UNIV. PROF. DR. WALTER KRAUSE Nachruf von Dr. Johann Wilde, Wien und Dr. Volkmar Ellmauthaler, Wien Im 97. Lebensjahr verstarb am 16. August der Anatom Univ. Prof. Dr. Walter Krause. Als langjähriger Mitarbeiter und zeitweiliger Leiter des Anatomischen Instituts zählte Prof. Walter Krause zu den prägenden Persönlichkeiten der universitären Ausbildung nach dem zweiten Weltkrieg. Mit Univ. Prof. Dr. Walter Krause verlieren mehrere Generationen von Ärzten, die in Wien studiert haben, einen besonders hoch geschätzten Lehrer der Anatomie. Am 15.11.1910 in Wien geboren, verbrachte Walter Krause seine Kindheit und Schulzeit in Mödling. Mit ausgezeichneter gymnasialer Matura studierte er danach an der Universität Wien Medizin und wurde 1933 promoviert. Schüler Julius Tandlers Dem Ruf seines Lehrers Tandler folgend wurde er 1931 Demonstrator und 1934 Assistent an der 1.Anatomischen Lehrkanzel. Nach Inhaftierung in der NS-Zeit und Kriegsgefangenschaft war sein besonderes Verdienst in den Nachkriegsjahren die Wiederaufnahme eines geregelten Lehrbetriebes und - nach seiner Habilitierung 1949 - der Wiederaufbau des zerstörten Institutsgebäudes als supplierender Leiter. Ab 1952 unter Prof. Hayek übernahm er die Betreuung der Studienanfänger jahrgangsweise alternierend mit Univ. Doz. Dr. Gisel. Die steigenden Studentenzahlen veranlassten Prof. Krause, bei überfüllten Hörsälen dieselbe Vorlesung zweimal zu halten. Die Seziernachmittage fanden stets durchgehend und für ihn ohne Pause statt. Nach Hayeks Tod war er wieder supplierender Leiter, wurde 1971 zum außer- ordentlichen Professor für Topographische Anatomie und 1974 zum ordentlichen Professor ernannt. Univ. Prof. Dr. Krause verstand sich in erster Linie als Lehrer. Auch wenn er nur auf wenige wissenschaftliche Arbeiten verweisen konnte, so sind sie doch einzigartig: So etwa seine Habilitationsschrift über „Ein menschliches Ei mit 0,32 mm Keimschildlänge in situ“, seine Beiträge zu „Epigenetische Varianten des menschlichen Schädels“, seine Beiträge zum „Handbuch der Urologie“, oder etwa auch „Der pianistische Anschlag“. Unvergessener Lehrer Sein anschaulicher und praxisbezogener Unterricht wird allen, die ihn je erlebt haben, stets in Erinnerung bleiben. Seine Vorlesung war Dramaturgie, seine Hände schufen „Kunstwerke“. Studierenden der Medizin und auch anderer Fachgebiete und immer wieder auch Ärzten aus aller Welt lieferte er die anatomischen Grundlagen, auf denen sie aufbauen konnten - ja die Grundlagen des Arztseins überhaupt. In der Tradition eines Joseph Hyrtl stehend vermittelte der begeisterte und stimmgewaltige Anatom Walter Krause ebenso lebendig wie nachhaltig auch dessen Überzeugung: „Die Anatomie ist das Alpha und Omega der Medizin; was dazwischen liegt, ist die Klinik.“ Sein Talent als Lehrer hat ihn bis ins hohe Alter nicht verlassen. Unvergessen sind seine praktischen Instruktionen für die Demonstratoren des Institutes - sie waren ein entscheidender Beitrag zur Qualitätssicherung der Lehre - sowie die Vorlesung „Medizinische Terminologie“ in den letzten Jahren. Seine Fachkompetenz und humanistische Bildung, sein berufliches Engagement und seine interdisziplinären Interessen, sein künstlerisches Talent wie sein Kunstverständnis, sein offenes und bescheidenes Wesen und nicht zuletzt sein schier unglaubliches Namens-Gedächtnis ermöglichten es ihm, jedem Ratsuchenden - ob Studenten oder Kollegen - aus seinem ungeheuer großen Wissens- und Erfahrungsschatz umfassend Auskunft zu erteilen. Mehr noch: Jeder wusste sich von dieser großen Persönlichkeit beschenkt! Hippokratische Grundwerte, Verantwortungsbewusstsein, Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeitssinn und seine Güte machten ihn zum nacheifernswerten Vorbild: als Arzt und Lehrer war er für manch einen auch Vaterfigur. Späte Anerkennung für sein unermüdliches Wirken wurde ihm zuteil, als er 1995 das Goldene Ehrenzeichen der Ärztekammer für Wien und 2005 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse erhielt. Als Professor Krauses Gattin, um derentwillen er während des zweiten Weltkriegs wegen „Rassenschande“ von den Nationalsozialisten zu Zuchthaus und Strafkompanie verurteilt worden war, im November 2004 nach 58 Jahren Ehe starb, schien es zunächst, dass er sich von diesem harten Schicksalsschlag nicht wieder erholen würde. Gerade in den letzten Lebensjahren fand er in seinem katholischen Glauben Trost und Stütze. Als sein 95. Geburtstag im Institut festlich begangen wurde, lebte er angesichts des vollen Hörsaales noch einmal auf - wie damals in seinen Vorlesungen! Dr. Johann Wilde (August 2007) ****************************** Walter Krause ist zu Lebzeiten eine Legende geworden wegen seiner liebevoll- aufrüttelnden Anekdoten, subtil-derben Sprüche, seiner anschaulichen Bild- sprache und Gestik, an der ein begabter Schauspieler hätte lernen können. Viele fürchteten seine Prüfungen, die auf seiner Seite lustvoll-väterlich gestaltet waren, seitens schlecht vorbereiteter KandidatInnen aber zu einem niederschmetternden Erlebnis werden konnten: Professor Krause war durch nichts eher und tiefer enttäuschbar als durch Halbwissen, wo er zuvor Intelligenz und Begeisterung oder seziertechnische Fähigkeiten erwartet hatte. Dabei ging es ihm keineswegs um seine Person, sondern um das kompromisslose Eindringen in die Geheimnisse der Materie, das der Vorbereitung auf ein umfassendes Arztsein dienen sollte. Sein Leben war Dienst - nicht nur an der wissenschaftlichen Anatomie, sondern an dem Verdeutlichen und Vermitteln dessen, was er mit tiefer Überzeugung als die Grundlage der ärztlichen (Menschen-) Bildung ansah. Anatomische Präparation war ihm nie Endpunkt, sondern Grundlage und Anfang der medizinischen Wissenschaft vom Menschen, Voraussetzung für die aufbauenden Lehrgänge mit dem Ziel, über die topografische und funktionelle Anatomie ein tiefes Verständnis der Lebensprinzipien des menschlichen Organismus zu gewin- nen. Wer ihm gerade in die Augen blicken und in die rasanten Gespräche am Seziertisch, oft auch zwischen Tür und Angel, halbwegs fundiertes Wissen einzubringen verstand, wurde von Professor Krause auf das Liebenswürdigste über alle verständlichen Klippen "getragen", bekam - als Ansporn, nicht etwa als Lohn! - einen Schlüssel zu einem ehemals weiß lackierten, schon abgegrif- fenen, nach Formol riechenden Spind in den schwer zugänglichen Vorhöfen zum "inneren Heiligtum", und wurde Demonstrator: Wer in diesem frühen Stadium in die Lehre hinein schnuppern durfte, musste - und wollte - besonders gründlich studieren, perfektionieren, seinen Horizont erweitern. Hier konnten wir ohne Prüfungsdruck, jedoch angesteckt von dem Ehrgeiz des weiter zu vertiefenden Wissens und Könnens, das eben erst absolviert Geglaubte beginnen in die Praxis umzusetzen, den "weißen Mantel" mit wachsender Bescheidenheit tragen und: immer weiter lernen, wo mehr Wissen immerzu mehr Fragen aufwarf, deren Antworten es zu finden galt. Genau schauen! Auf die kleinsten Dinge achten! war Professor Krauses praktischer, dann und wann drastisch demonstrierter Anspruch. In dem gemeinsam mit Paul Pichier, Elisabeth Hesse und Waltraut Osborne herausgegebenen Buch "Der pianistische Anschlag" formuliert er es so: 1. Lass deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen, 2. Wenn wir eine Bewegung des Körpers betrachten, führe sie selber aus und sei Teil des Experiments, 3. dabei benütze deine Sinne - Schauen, Hören, Berühren (S. 19). Sein Prinzip, viel zu bieten - viel zu fordern, vor Allem: Vertrauen in "seine" Studierenden zu setzen, ist aufgegangen wie eine sich selbst erfüllende Prophezeihung. Wer dem betagten Professor im "Fünfer", der Straßenbahn Linie 5 zwischen Währinger Straße und Julius Tandler-Platz, begegnete, sah ihn kindlich- begeistert in Kinderwagen gucken und mit Babies reden, die ihn mit großen Augen anschauten, als könnten sie aus seiner Begeisterung am Lebendigen ein ganz tiefes, immer gültiges Geheimnis schöpfen und es mit in ihre Zukunft nehmen. Walter Krause: ein innerlich stiller, in seiner Wirkung großer, als Mensch schrulliger, immer liebender Mann hat uns nur körperlich verlassen: Der Klang seiner Stimme, sein unvergleichlicher Stil, seine Bildung und die beein- druckende Haltung im Dienste von Mensch und Wissenschaft wirken in Allen weiter, die ihn kennen durften und sich ihm verbunden fühlen. Ich bin sicher, es sind Viele. Viele! Dr. Volkmar Ellmauthaler (in memoriam: 15.11.2007) Nachsatz: Auf Grund mehrerer Anfragen darf ich mitteilen, wo Professor Krause bestattet ist: Wiener Zentralfriedhof Simmeringer Hauptstraße 234 1110 Wien Gruppe 16 C, Reihe 1, Grab Nummer 5. Dr.med. Walter Emil Bernd KRAUSE 15.11.1910 - 16.08.2007 Bestattet am 29.08.2007