***************************

Hinweis:
Druckfassung: 7 Seiten

***************************


Helga Kerschbaum:


Kultur des Wohlwollens.
Aus der Kraft des Herzens leben. Spiritualität, Ethik, Gesellschaft, Friedenskultur. Das Anima Magna Prinzip. - Petersberg: vianova 1. Aufl. 2004.

ISBN 3-936486-45-X.

248 Seiten, 2 Vorworte fremder Autoren, eine Danksagung der Autorin, eine Einleitung der Autorin, sowie ausführliche Einbandtexte mit einem Bildchen der Autorin.


Das Buch hat den Rezensenten zunächst sehr eingenommen, was Layout und Herstellung betrifft. Auf dem Gebiet haben wir es bei vianova mit einem durchaus empfehlenswerten Verlag (für den esoterischen Sektor) zu tun: www.verlag-vianova.de E-Mail: info@verlag-vianova.de.


Die Thematik ist grundlegend, das Buch verspricht Erkenntnis.

Ein großes Vorhaben verlangt nach Aufmerksamkeit und entsprechender Würdigung: Diese Besprechung ist daher größer angelegt als das für gewöhnlich der Fall ist.


In der neo-barocken Titelung wird ein beeindruckender interdisziplinärer und interkultureller Bogen gespannt: nichts Geringeres als der Entwurf eines „Prinzips“, das in unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Staatsformen friedenstiftend und religionsverbindend anwendbar sein soll.

Der Einbandtext stellt das Konzept vor: In fünf Punkten wird beschrieben, was in dem Buch an Theoretischem zu erwarten ist, in weiteren drei Punkten werden die Autorin und deren körperbezogene Arbeiten dargestellt, die ebenfalls in dem Buch erwähnt sind und zu denen in einem Aufruf auf Seite 244 eingeladen wird: Man möge an dem Projekt und an den Gruppenangeboten teilnehmen.


Wie ist nun das vorliegende Buch zu begreifen?

Handelt es sich um ein Werk, das nach wissenschaftlichen Kautelen verfasst ist?, um einen Leitfaden zur „Lebenshilfe"?, um Erbauungs- und Meditations-Literatur?
Auf welche Weise grenzt sich das Gedankengut etwa von dem eines vergangenen L. Ron Hubbard (1911-1986) ab, dem Erfinder von „Scientology“: “I have seen life from the top down and the bottom up. I know how it looks both ways. And I know there is wisdom and that there is hope.” - von jener wirr begründeten „Hoffnung“, die ihn selbst in Wahnsinn und Tod trieb und Andere bis heute der Falle „Macht, Geld und Einfluss“ ausliefert, wenngleich Scientology bisweilen „Religion“ genannt wird? Wie weit setzt sich das vorliegende Buch gegenüber den geradezu unverfroren pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen etwa eines  Bestsellers wie Dianetics ab? Ist das Kriterium für Überzeugungskraft hier Seriosität im Argument oder Erfolg bei den Massen? Müssen wir „erfolgreiche“ Redenschwinger beiderlei Geschlechtes bereits deswegen anerkennen (oder mit bisweilen kruden Ideen Nachsicht üben), weil sie von einer genügend großen Zahl an Menschen nicht genügend kritisch gehört werden? Weil sie Erfolgs- und Erlösungsphantasien nähren, ohne eigentlich Substanz zu bieten? Wie verhält es sich in dieser Hinsicht mit dem vorliegenden Buch?
Das alles sind Fragen, die angesichts der Gründung einer Denk-Schule oder auch der Formulierung eines welt-gültigen Prinzips seither grundsätzlich zu stellen sind.


Formal wird bei der vorliegenden Arbeit Kerschbaums zu verschiedenen Aspekten einer “Kultur des Wohlwollens“ sehr bewusst der Eindruck einer wissenschaftlichen Abhandlung erweckt: mehrere Vorworte, zahlreiche Fußnoten, Anmerkungen, zwei Seiten Literaturnachweis sind vorhanden.

Bezüglich Hypothesenbildung und deren Diskussion muss dieser vorläufige Befund allerdings während der Lektüre revidiert werden:

Hier handelt es sich um eine eklektizistische Sammlung eigener und fremder Ideen, die durch ausgewählte Textstellen untermauert werden sollen, das allerdings auf eine in der wissenschaftlichen Literatur unübliche, nämlich „immunisierende" - de facto also durchaus unwissenschaftliche Weise.


In Übersetzungen oder Anmerkungen wird genau so „zitiert", wie es den je eigenen Anschauungen als förderlich erscheint. Es bleibt an einigen Beispielen nachzuweisen, dass ein solches Vorgehen berechtigter Kritik nicht standhalten kann.

Nach Sir Karl Popper, dem bedeutenden österreichisch-britischen Wissenschaftstheoretiker (1902-1994) ist die Wissenschaftlichkeit einer Hypothese erst dann gegeben, wenn diese im Prinzip formal-logisch falsifizierbar bleibt.

Als „unwissenschaftlich" bezeichnet er eine Hypothesenbildung, für welche lediglich stützende Aspekte gesucht und argumentiert werden. Dabei ist die Voraussetzung einer theoretischen Falsifizierbarkeit nicht immer – zumeist nicht – gegeben.

In Kürze: Das vorliegende Buch erfüllt dieses, international anerkannte, Kriterium der Wissenschaftlichkeit nicht.

Ist es dann „Erbauungsliteratur"?

Hierfür sprechen die an mehreren Stellen eingestreuten eigenen oder nach Fremdautoren zitierten poetisch-meditativen Textstellen.

Dagegen sprechen sowohl Titel als auch die verschiedenen Untertitel - wie auch der gewählte Sprachductus.


Handelt es sich also um einen „Ratgeber"?

Vielleicht könnte man das so auffassen. Mehrfach werden „Übungen" beschrieben oder könnte man meinen, sich ein „Prinzip" aneignen zu können, um damit in Hinkunft gut zu leben.

Doch eben das bleibt Illusion.

Ein bloßes „Prinzip", das ohne den einzelnen Menschen, ohne den Bezug auf das „Du" auskommt, und Staatsgebilde wie auch (Welt-) Religionen einzig aus der Perspektive eines (Zitat:) „Paradigmenwechsels" betrachtet, ohne auf einer anderen Ebene das Lebendige - etwa ein auch von der Autorin selbst glückvoll und glückbringend „gelebtes" - Prinzip ahnen zu lassen, bleibt mit oder ohne Lächeln, mit oder ohne Poesie, kalt und unnahbar.


Die „Zusammenfassung" (Ss. 203-241) gipfelt in dem freundlichen Imperativ: „Die Welt erblühe!" (S. 240) - und könnte den gesamten Text vielleicht als ein sympathisches volksbildnerisches Anliegen zu verstehen geben. Ist der Autorin also ein Lehrbuch über ein Konzept gelungen, das man als Laie, Lebensberater, Arzt, Priester oder Denker anwenden: vorleben und weiter vermitteln könnte?

Lehre bedeutet wiederum ein Miteinander im interessierten, empathischen Austausch zwischen Persönlichkeiten und kann schon seit geraumer Zeit nicht mehr bloß durch einen Text vermittelt werden - auch wenn dieser gelegentlich auf Körperarbeit und Meditation hinweist.

Das Buch lässt den Rezensenten in dem Bereich unberührt. Das an sich sehr wertvolle „Wohlwollen" bleibt in der Darreichungsform kaum praktisch anwendbar. Selbst wenn die Autorin das stets behauptet. Auch das Vorwort von Willigis Jäger wirkt zunächst in sich geschlossen und wie aus einem anderen Zusammenhang geholt. Erst der letzte Absatz nimmt wohlwollend Bezug auf Projekt und Buch.


Hier sind wir bei der ursprünglichen Thematik angelangt, dem Wohlwollen - nicht als einer lebbaren, zugewandten Haltung, sondern als einem theoretischen Welt-Prinzip.


Wer dieses Buch also liest, muss sich zunächst damit abfinden, dass Wohlwollen nach Kerschbaum als wirklich gute Idee ohne das lebendig-mitfühlende Berührtwerden betroffener Menschen auskommen muss.

Tatsächlich - es gibt den erhofften Abschnitt „Die Gemeinschaft“ (S. 197): ganze zwanzig Zeilen innerhalb von 248 Seiten Text. Hier enthüllt sich auf bedrückende Weise eine hintergründige, kaum zu verbergende reale Beziehungs-Not, die sich vornehmlich in spitzer Kritik (in dem Fall an Klosterfrauen) und - bei allem Jubilieren über das Theoretische - als eine fühlbare emotionale Dürre manifestiert.


Wir wollen im Detail nachsehen, was der Text tatsächlich zur Vermittlung einer wohlwollenden "Haltung" leistet, oder ob es sich - frei nach „Mephisto" - um etwas handelt, das „stets das Gute will, und stets das Böse schafft" (siehe auch Richard Beiderbeck, der diesen Zusammenhang beim "Weltverbesserer" sieht. In: „Das Dilemma des Weltverbesserers" http://www.koinae.de/meph1.htm).

„Böse" wäre in dem Zusammenhang nach Meinung des Rezensenten nicht etwa das (im Sinn eines „Weltethos" abzulehnende) Gegenteil oder auch das Abweichen von einem „Prinzip des Wohlwollens", sondern die Verhinderung der Auf- und Annahme des vortrefflichen Prinzips durch Mängel in der Vermittlung.


Endet das Buch mit einem barockisierenden Imperativ („Die Welt erblühe!"), so startet es mit folgendem Ansatz:

(Zitat:) „Selbst die Religionen mussten zur Kenntnis nehmen, dass die postmoderne Gesellschaft nur wenig Bereitschaft aufweist, sich in starre Regeln des Müssens oder Sollens zu fügen." (S. 17.)


Sehen wir einmal ab von der Unschärfe des Begriffs der „Postmoderne" in dem gegenwärtigen Jahrhundert, das dieser „Postmoderne" bereits gefolgt ist. Sehen wir der Autorin auch nach, dass ein Begriff, der sich auf das „Nachher" bezieht, immer dehnbarer und unpräziser wird, je mehr Zeit ab einem willkürlich gesetzten Referenz-Zeitpunkt vergeht:

Stellen wir einfach fest, die Autorin gibt die Kontrolle über ihr eigenes Argument aus der Hand.

Abseits dessen, müssen wir inhaltlich an dem Satz kritisieren, dass er auf einem simplen, aber fatalen Irrtum aufbaut, was die Zielsetzung einer Religion betrifft.

Nicht bloß die - ebenfalls als Fixierung oder vielleicht gar Fesselung falsch verstandene – „Rückbindung" ist im Wesen der Weltreligionen zu finden, sondern weitgehend ähnliche Erlösungs-Motive und Lebens-Grundsätze.

Religionen scheinen sich in praktischer und symbolischer Sinngebung zu begründen, welche über das irdische Leben sowohl retrospektiv als auch antizipierend hinausweist und im Leben des je Einzelnen, aber auch in dessen Beziehungen(!) erfahrbar sein kann.

(Siehe auch das Gedicht Goethes, „Vermächtnis", am Schluss der Abhandlung.)

Nähern wir uns dem Inhalt:


Welche Religionen sind also bei Kerschbaum gemeint? Etwa die drei monotheistischen: Judentum, Christentum und Islam?, etwa auch die Religion der Verinnerlichung, die im Grunde ohne Gott auskommt, der Buddhismus? Hinduismus? Sind vorausgegangene Religionen, die der Ägypter, der Azteken, Vielgötter-Mythen auf Bali, Naturreligionen, etwa nicht gemeint - oder doch?, in ihrem historischen Nachwirken, oder mit ihren erstaunlichen mythologischen Gemeinsamkeiten erfasst - negiert?

Wir müssen annehmen, dass hier einfach nur umgangssprachlich geschrieben wurde (der Autorin ist nach Eigenem wichtig, dass der Lesefluss "geschmeidig" erhalten bleibt - siehe Anmerkung über dem Impressum) und stellen fest, dass hier kein logisch vorbereitendes Argument einer später formulierten These vorliegt.


Will das Buch formal eher einer „wissenschaftlichen Abhandlung" gerecht werden, dann sollten die Zitationen auch einigen Grundregeln folgen, unter anderem: präzise Angaben über die entlehnten Textstellen enthalten. Das ist als ein Service an die Leserschaft zu verstehen: als eine Möglichkeit, ausgeführte Inhalte im Zusammenhang des Originaltextes nachzulesen. Zugleich kann damit auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen Darstellung besser nachvollziehbar gemacht werden.


Die Autorin nimmt es mit ihren Anmerkungen und Zitationen nicht eben genau: Quellenangaben sind meist spärlich und wirken ungenügend recherchiert: „Im Internet" oder „Siehe Saint-Exupéry" oder „vgl. Ursula Kalwoda" sind unzulässig. (Handelt es sich dabei um ein Bassenagespräch mit einer lieben Nachbarin? Ist Frau Kalwoda eine Autorin? Wenn ja, woraus wurde zitiert?)
Die Angabe „In Ö1" mag bedeuten, dass im ersten österreichischen Radioprogramm zu einem unbekannten Sendetermin irgend eine derartige Aussage gemacht wurde?

Solche unvollständigen Quellenangaben und Vermischungen eigener mit kaum nachprüfbaren fremden Aussagen finden sich in zahlreichen Anmerkungen, z.B. auf den Seiten 35, 37, 45, 48, 61, 77, 96, 106, 107, 114, 127, 143, 147, 148, 153, 163, 170, 181, 184, 209 und 234.


Im Verbund schöner Ideen fällt auch eine besondere Übersetzung auf:

Original (Seite 32.): "Destructive emotions - and how we can overcome them".

Zitat Dr. Kerschbaum: „Übersetzung: Zerstörende Emotionen und wie sie überwunden werden können".

Prima vista handelt es sich um eine sprachlich ganz ordentliche Übertragung, wenngleich wir anmerken, dass das Aktivum als Passivum wiedergegeben wurde. Dadurch allerdings geht das reale Subjekt verloren, das vormalige Objekt tritt ersatzweise an die Leerstelle: “Sie können überwunden werden“: aber von wem?!
Die Textanalyse macht auf eine latente Tendenz der Autorin zur “Entpersönlichung“ aufmerksam. Eine sinnkorrekte Wiedergabe aus dem Englischen könnte - auch dem Buchtitel besser entsprechend - lauten: „Schädliche Gefühlsregungen - und wie wir sie bewältigen können."


Neben dem im Handstreich eliminierten Subjekt erhält an Stelle des nun vorgeschlagenen „schädlich“ das von der Autorin, wohl wieder unbewusst, gewählte Wort „zerstörend" die sachliche Endgültigkeit eines letztinstanzlichen Urteils. - Wohlwollende Menschen würden sich eines solchen „Urteils" enthalten. - Menschen, die zueinander in einer konstruktiven, liebevollen Beziehung stehen, werden im Buch kaum je erwähnt. Ausnahme: Ein Mal wird die Mutter-Kind-Dyade angesprochen. Handelt es sich dabei um eine den großen theoretischen Wurf störende „qualité négligeable", "a neglectable item" eine in der Bewertung „vernachlässigbare" Angelegenheit?


Nicht vernachlässigbar ist ein beinahe frivol zu nennender Hang der Autorin, hart am Rande kollegialer Fairness etwa einen eigenen „neuen“ und - sogar zugegeben: schwächeren - Begriff zu entwerfen, um sogleich mit der Fußnote, jener (besser entsprechende) andere Terminus sei leider bereits „besetzt“, sich genau den betreffenden Term doch noch „anzueignen“: zwar unter juristisch einwandfreier Wahrung der Autorenrechte, jedoch mit einem schalen Beigeschmack: (Seite 151, zusammen mit Anmerkung 100) - Kerschbaum (neu): „Verbundenheit im Sein“ gegenüber (besetzt) „Seinsverbundenheit“. Solche Dinge sind völlig unnötige Manöver zu Lasten der Seriosität. Semantisch ist eine direkte Sinnverwandtheit des Alternativ-Terminus mit dem Original übrigens nicht schlüssig nachvollziehbar, wird also vermutlich im Buch ohnehin falsch angewandt. Dass die Autorin im übrigen kaum jemals die von ihr verwendeten Begriffe in der verwendeten Bedeutung ordentlich definiert, ist ein weiterer zu kritisierender Aspekt.


Ein etwas staksiger Hinweis auf Gefühle, wie sie in einer realen Interaktion unter Erwachsenen entstehen können, wird in der Schilderung der Situation mit dem Afrikaner im Rollstuhl “Thank you, Madam, I enjoyed my day.“ leider krass missdeutet (Ss. 110-111) – was auf große Schwierigkeiten mit empathischer Aufmerksamkeit hindeutet.

Außerdem findet sich lediglich in einer weiteren Anmerkung (Seite 29, Fußnote 11.) ein Hinweis auf Gefühle innerhalb von - temporären – Beziehungen.

(Zitat:) „Ein bekanntes Beispiel ist das als provokant erlebte Einfahren eines anderen Wagens gerade in jenen letzten freien Parkplatz, den man soeben für sich benutzen wollte - und die Emotionen, die dies auslösen kann." (Beachtenswert ist die spezielle Diktion, die an spitzer Gefühlshermetik kaum überbietbar ist). - Wohlwollende Menschen könnten vielleicht denken: Diesmal bin ich Zweite/r, vielleicht habe ich demnächst mehr Glück – und zur Tagesordnung übergehen.


Die besondere Weise, wie solche Worte bei der Autorin gesetzt sind, steht im krassen Widerspruch zu den durchaus edlen Inhalten eines neuen „Sanften Gesetzes" (vgl. Adalbert Stifter, Vorrede zu „Bunte Steine" 1853), die in dem gegenständlichen Buch ja vermittelt werden sollen.

Die Diktion der Autorin erinnert in ihrem eigenen verunglückten Beispiel eher an die beckmesserisch-meckernde Intoleranz einer frustrierten Lenkerin (eines frustrierten Lenkers) als an die für ein tief empfundenes Wohlwollen erforderliche Selbstbeschränkung der eigenen Wichtigkeit, auch und gerade in Situationen der Zurücksetzung und des Konfliktes. Das Kapitel zur Toleranz (S. 154), wenngleich diese wieder bloß in globalen Zusammenhängen gesehen wird, scheint hier bereits vergessen.


Wie kommt es zu solchen textinternen wie emotionalen Defiziten?

Die Wichtigkeit des eigenen Selbst wird - wie wir wissen - in der frühen Kindheit (schon während der ersten Abgrenzung des zunächst „biopsychischen" „Selbst-Ich" vom „Du" innerhalb der primären Mutter-Kind-Dyade) auf Seite des Kindes als schier unermesslich und allmächtig phantasiert.

Dieses auf inneren Vorstellungsbildern basierende Erleben führt zu einer magisch-egozentrischen kindlichen Weltordnung, die sich in der Folge erst mühsam an den Bedürfnissen und Regelwerken der je Anderen reibt, wie an einem Kristall bricht, oft schmerzlich frustriert wird und sich dann günstigen Falles auf ein allseits erträgliches Ausmaß reduziert. Dieser Vorgang gilt im Übrigen für alle Persönlichkeits-Anteile des Kindes, auch im Bezug auf die kindliche Sexualität und daraus resultierende Macht- und Besitzphantasien vor allem gegenüber der Mutter.


Wird dieser Prozess beschädigt, sei es durch fehlende Sensibilität der Bezugspersonen, sei es durch gravierende Fälle von emotionaler oder sexueller Gewaltanwendung, verharrt ein so geschädigter Mensch in oft magischen Allmachts- und Größenphantasien (oder regrediert in kritischen Situationen in sie), was ihn oder sie gegenüber Anderen und deren Bedürfnissen intolerant macht.

Eine solche Intoleranz wird jedoch zumeist dann, wenn die Familientradition eine solcherart „egozentrische" Einstellung negativ konnotiert, aus einem starken Bedürfnis nach Schutz des meist überaus positiven Selbstbildes heraus in das Unbewusste verdrängt, oft sogar überkompensiert: durch das Aufstellen „allgemein gültiger", „weltumspannender" oder auf höchster Ebene „interdisziplinärer" reaktiver Theoriebildungen, in welchen der kleine Akteur sein Selbst untadelig weiter bestehen lassen kann.

Solche Reaktionsmuster sind am ehesten der Neurosenlehre zuzuordnen und von dieser annähernd erklärbar, werden aber sehr häufig eben nicht als Ergebnisse eines neurotischen Krankheitsprozesses erkannt, weil sowohl die Symptomträger wie auch deren Reden als scheinbar logisch, überzeugend und einfach „gut" imponieren, so gut, dass dagegen kaum argumentiert werden kann: Solche Äußerungen sind nämlich zumeist durch die eingangs genannte argumentative „Immunisierung" gekennzeichnet.


Zurück zum Buch:

Hier sehen wir einige zunächst verdeckte Parallelen – das Gesagte bezieht sich naturgemäß und ausdrücklich nicht auf die Privatperson der Autorin, deren Diagnose uns nicht zusteht:


Wenn in der zitierten Übersetzung das „wir" weggelassen und im Sinne eines ent-personalisierten Theorems ersetzt wurde, so deutet diese Formulierung auf eine Schwierigkeit des Textes insgesamt hin:

die Vermeidung der Sicht auf die einzelne Person zugunsten der großen und größten „Zusammenhänge“ [dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethe: Faust. Teil 2. Akt V.)] - eine quälend-suchende Neigung, die wir gemeinhin als „faustisch" bezeichnen.


Was dann bleibt, ist die Tendenz, sich in solchen Situationen selbst als „gut" darzustellen - nicht, weil davon ausgehend ein gelebtes Beispiel als nachahmenswert zu empfehlen wäre, sondern deshalb, um sich selbst - und das eigene Verhalten vor sich selbst - gerechtfertigt und von Anderen bestätigt zu sehen. Dunkle, im Sinne einer Überich-Instanz als „böse" erlebte und deshalb „zensurierte" Triebanteile der Wut und Zerstörung können damit erfolgreich abgewehrt werden, der „gute Ruf" bei sich selbst und Anderen ist wiederhergestellt.

Folgerichtig muss ein hyper-idealisiertes Soll-Bild an „Gutem und Schönem" entgegen gehalten werden (wiederum: ohne aber diese Begriffe schlüssig herzuleiten), das der Öffentlichkeit als erstrebenswertes Ziel, in dem Fall als „Initiative", in anderen, nicht allzu fernen Fällen etwa als eine zwingende „Ideologie" offeriert wird - wobei Interessentinnen und Interessenten eingeladen sind, an der Errichtung dieses neuen „Guten" mitzutun. Wohin eine pseudomorph-messianische Botschaft ihre unkritischen Gefolgsleute führen kann, ist mehrfach (Kriegs-) Geschichte.

Hier überlappen sich die Gedanken zu einer grundlegend psychodynamischen Problematik mit der Lektüre.


Wenn nun im vorliegenden Buch zu einem positiv, aber immerhin wertend gedachten „Paradigmenwechsel" aufgerufen wird, wenn zuletzt zum Fragenstellen und zu (möglicherweise sogar kostenlosen?) praktischen Übungen eingeladen wird, erhebt sich der Wunsch nach einer Nagelprobe:

Was, wenn der kritische Rezensent, was, wenn eine Anzahl Obdachloser mit all ihren Bedürftigkeiten (auch mit ihrem oft „unverschuldeten" Gestank und Schmutz, mit Krankheit und Alkoholismus) sich vor der gepflegten Türe der Autorin einfänden, um einfach der Einladung folgend an dem Initiativ-Projekt „Anima Magna" mitzuwirken?

Ließe sich das geschilderte Prinzip ad hoc auch mit just diesen Menschen ohne Wenn und Aber verwirklichen?


Ein Text der Autorin gibt zu diesem Gedanken Anlass (Seite 237):

„Jeden Morgen / setz Dich auf Dein Kissen / und dreh Dich zur Wand. / Behutsam / tritt in das grosse Schweigen ein. / Liebe! / In diesem Augenblick / erfüllt sich Ewigkeit."

Der Satz klingt poetisch und irgendwie schlüssig. Der Nachklang von etwas bereits Gehörtem, etwa: „Der Augenblick ist Ewigkeit" (aus Goethe's „Vermächtnis") trägt vorerst zu einer einschläfernd-zufriedenen Stimmungslage bei.

Die geforderten Requisiten (Kissen, schützende Wand) verbreiten ein Gefühl wunderbarer Geborgenheit. Kurz bevor der angenehm berauschende Tagtraum einsetzt, schrillt Alarm: Was wird aus dem Bild ohne „Dein Kissen", ohne „Wand", ohne „Stille“, zumal es weiche Kissen, schützende Räume und Ruhe ohne eine minimale Absicherung der eigenen Lebensgrundlage einfach nicht gibt?! -

Kurz bevor dennoch Zustimmung eintritt, fragt das redliche Denken nach: Erfüllt etwas wie „Liebe" sich in einem Moment des Schweigens? - etwa völlig ohne Anwesenheit eines Du? Und: Was hat „Ewigkeit" damit zu tun?

Die Autorin beantwortet genau das nicht. Sie zeigt ein Ritual auf; eine Übung. Nicht mehr.


„Lieben" ist zudem ein Wortderivat von „Leiben", also mit dem Leib zugange sein:

Leiber fühlen einander, Leiber verspüren vielfältige Lust, Unlust, auch sexuelles Verlangen.

Leiben bedeutet ein lustvolles, Leib-betontes „Ein-wenig-außer-sich-und-bei-dir-sein".

In jedem Fall - mit Bezug zum „Wohlwollen" - ein Miteinander in weit reichender Akzeptanz des je Anderen.

So kann Liebe durchaus verstanden werden.

Die Autorin legt sich jedoch genau hier nicht fest. Sie bewirbt insgesamt eine eher private „Poesie des Imperativs" im Rahmen einer idealisierenden „Noch-Vision“ (S. 16.).


Nun zum zentralen Wort: Anima.


Anima in der lateinisch weiblichen Form existiert lediglich als ein Nebenbegriff unter vielen. Sie wurde wohl in „post-Augustinischer" Bedeutung christlich verbrämt und hier auch so überliefert.

Anzumerken ist, dass Aurelius Augustinus 354 als Sohn des Römers Patrizius in Thagaste (im heutigen Algerien) geboren, mit 33 Jahren zum Bischof geweiht wurde und einen nach römischem Recht legitimen Sohn hatte: „Adeodatus" - von Gott gegeben - aus der 15 Jahre dauernden Verbindung mit seiner afrikanischen Konkubine, deren Namen er nicht nennt. Das zeugt von der unkomplizierten Einbindung des Leiblichen innerhalb des Römischen Rechts - das ja ein monogames Konkubinat einer Ehe mit geringfügigen Ausnahmen gleich stellt.

Es zeugt weiters von der Möglichkeit, gelebte (leibliche wie geistige) Liebe - über lokale Sitten hinaus bis hin zum „Kirchenlehrer" - zu kultivieren.

Auf diese Art bleibt der Vorgang fasslich und glaubhaft.


In dem vorliegenden Buch ist all das nicht zu finden, sondern wird ein theoretisches Wunschdenken zur Basis für einen wohl klingenden, doch leeren Gestus.


„Anima" einfach als "Seele" zu übersetzen, lässt neuerlich bewusste Auslassungen im Sinne der eigenen „Botschaft" erkennen.

Auch einer Fachjuristin sollte bekannt sein, was jeder Schüler im Stowasser nachlesen kann:

Zunächst existiert im römischen Latein die maskuline Form: animus.

Dieser „animus" wird drei Kategorien zugeordnet und unterschiedlich gedeutet bzw. muss gemäß diesen Deutungen differenziert übersetzt werden: im Hinblick auf Denken, Empfinden und Wollen.


1. zu „Denken": als Geist, Bewusstsein, Gedächtnis, Gedanken, Überlegung, Meinung, Urteil(!)

2. zu „Empfinden": als Gemüt, Herz, Seele, Sinn; Charakter, Stimmung, Gesinnung, Mut und Stolz; Unmut, Zorn und stolze Hoffnung

3. zu „Wollen": als Wille, Mensch, Verlangen, Absicht, Lust und Vergnügen.


Die Übersetzung der Autorin lässt diese notwendige Differenzierung aus.


Auch der Begriff des „pater familias" - ein Term aus dem Römischen Recht - wird unzulässig verkürzt wiedergegeben als „Familienvater".
Das von einer Juristin gilt als spezielles Bonmont: Im ersten Proseminar aus Römischem Recht wird just diese „Übersetzung“ gemeinhin als die dümmlichste aller möglichen gebrandmarkt, „merken Sie sich das“. - Der Rezensent würde das bei Vielen, auch bei jeder anderen Autorin, glatt durchgehen lassen,  bloß nicht bei der suspendierten Stellvertretenden Leiterin des Kartellgerichts in Wien *), die solches auch noch veröffentlicht.


„Pater familias“ wird in dem vorliegenden Buch zusätzlich recht willkürlich verbunden mit der recht eigenartigen Wortschöpfung „Privilegiensockel" (Seite 135), was wohl eine Art von unziemlicher oder überkommener Machtstruktur beschreiben soll, wiederum ganz im Gegensatz zu dem schönen Prinzip des Wohlwollens - aus dem Lateinischen „bene-volentia" (Wohlwollen, Gewogenheit) abgeleitet von „bonus, -a, -um" (gut) und "volo, velle, volui" (wollen).


„Pater familias" (familia im Akkusativ Plural mit gedachter Präposition) bedeutet wohl „pater“ als Urheber, auch als Ehrentitel gebräuchlich, für die per Gesetz geregelte Machtstruktur innerhalb einer vielfältigen und (durch den Plural zutreffend ausgedrückt) vielköpfigen sozialen Einheit „Familie" - deren Rechtsanspruch auch „patria potestas", die väterliche Macht, genannt wird.

Diese beinhaltete weitreichende Macht- und Entscheidungsbefugnisse, auch die „vitae necisque potestas" - die Macht über Leben und Tod.


Bei der Autorin ist die Kenntnis der Entwicklung der römischen Rechtsprechung vorauszusetzen.

Insofern lässt sie offenbar bewusst den wesentlichen Aspekt dieser patriarchalen Macht-Befugnisse weg: den der ebenfalls weit reichenden Fürsorgepflicht und Verantwortlichkeit(!) über Ehefrau oder Konkubine, gemeinsame Kinder, Sklaven oder frei gegebene Diener.

Es war tabuisiert, die dem Oberhaupt überantworteten Mitglieder dieser „Familie" schlecht zu behandeln.

So lebte - zumindest in der Theorie - selbst der Unfreie, der Sklave, in einem beschützten Verhältnis gegenüber dem Hausherrn, eben dem „pater familias".

Diese Situation nun verkürzt und verzerrt darzustellen als eine Art einleuchtendem Gegenpol zur eigenen „weltoffenen" und „guten" - wenngleich keineswegs fühlbaren - Theorie, ist ein in redlicher Literatur und Argumentation unerwünschter Kunstgriff.

Diese Strategie wurde bereits ein Mal kritisiert, wir nennen dieses Beispiel nur als einen weiteren Hinweis darauf, dass dieses Buch mit besonders wachem und kritischem Geist gelesen werden sollte.


Der folgende Satz ist Ausdruck einer perseverierenden und zudem weithin richtungslosen Schein-Argumentation:

(Zitat Kerschbaum:) „Die Anima Magna - Kultur des Wohlwollens ist visionär und praktisch anwendbar zugleich." (trifft nicht zu).

(Zitat Kerschbaum:) „Es sollte Mut und Freude zur Realisierung dieser Noch-Vision einer Seinsgemeinschaft machen, dass es im Laufe der Geschichte auf allen Kontinenten, in praktisch allen Kulturen Menschen gab und gibt, die voneinander unabhängig in diesem Geist lebten und wirkten. Zum Wohle aller. Helga Kerschbaum im Dezember 2003."


Auch dieser Satz trifft nicht zu. Er zeigt lediglich die befremdlich ausufernde Diktion einer Juristin im Umgang mit den „großen Fragen“ des Geisteslebens.

Das subtil einschränkende Wort „praktisch" vor "alle Kulturen" entlarvt außerdem ein vielleicht unbewusst elitäres Denken:

Welche Kultur, welche Menschengruppe wäre gemäß der Wendung (also: in doch nicht allen, sondern nur den meisten aller Kulturen) etwa von den Segnungen des Prinzips „Wohlwollen" ausgeschlossen? Wer hätte, nach heutiger Rechtsauffassung, über deren Einbindung oder Ausgrenzung aus dem Prinzip „Anima magna" zu entscheiden?

Der Rezensent schlägt statt dessen den folgenden Satz vor:

„Du kannst dich selbst und jeweils einen beliebigen Menschen, der dir zufällig am nächsten steht, achten, ehren und lieb haben."


Eine solche Haltung mag durchaus schwierig zu realisieren sein, kann sich aber unter allen Menschen durch simples - manchmal geglücktes - Probieren derselben in allen Bild-, Wort- und Zeichensprachen verbreiten und in seiner Einfachheit erstrebens-, liebens- und lebenswert sein.

Der eigentliche „Paradigmenwechsel" funktioniert deshalb wohl in Form einer bescheidenen Rückkehr zum einander Annehmen: von Person zu Person.

Die große, „weite Welt“ mit ihren Staatsgebilden, Religionen, Ethiken und Kulturen ist für den Einzelnen auch gar nicht „veränderbar" – bloß in der Tiefe eigener Beziehungen geht Veränderung vor sich.


Dieses Buch hat zum sachlichen Widerspruch angeregt. Dadurch kann es nützen.

Von der Autorin ist allerdings neben wissenschaftlicher Bescheidenheit mehr Genauigkeit und Stringenz ihrer Darstellung zu erwarten.

Sehr begrüßenswert wäre es, einmal Texte zu lesen, die der juridischen Ausbildung der Autorin entsprechen, denn öffentliches Dilettieren ist zwar nicht verwerflich, aber durchaus verzichtbar.


Lassen wir Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) am Ende noch vollständig zu Wort kommen:

Im oben genannten „Vermächtnis" geht es um beinahe gleichartige Fragestellungen wie im „Opus Kerschbaumensis" - doch um wie vieles klarer, lichter, leichter und menschlicher als jene in die Tasten gemeißelten Konstrukte lesen wir hier:


Vermächtnis

 

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!

Das Ewge regt sich fort in allen,

Am Sein erhalte dich beglückt!

Das Sein ist ewig: denn Gesetze

Bewahren die lebendgen Schätze,

Aus welchen sich das All geschmückt.


Das Wahre war schon längst gefunden,

Hat edle Geisterschaft verbunden;

Das alte Wahre, faß es an!

Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,

Der ihr, die Sonne zu umkreisen,

Und dem Geschwister wies die Bahn,


Sofort nun wende dich nach innen:

Das Zentrum findest du da drinnen,

Woran kein Edler zweifeln mag.

Wirst keine Regel da vermissen:

Denn das selbständige Gewissen

Ist Sonne deinem Sittentag.


Den Sinnen hast du dann zu trauen,

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

Wenn dein Verstand dich wach erhält.

Mit frischem Blick bemerke freudig

Und wandle sicher wie geschmeidig,

Durch Auen reichbegabter Welt.


Genieße mäßig Füll und Segen;

Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige, voraus lebendige,

Der Augenblick ist Ewigkeit.


Und war es endlich dir gelungen,

Und bist du vom Gefühl durchdrungen:

Was fruchtbar ist, allein ist wahr. ­

Du prüfst das allgemeine Walten,

Es wird nach seiner Weise schalten,

Geselle dich zur kleinsten Schar.

 

Und wie von alters her, im stillen,

Ein Liebewerk nach eignem Willen

Der Philosoph, der Dichter schuf,

So wirst du schönste Gunst erzielen:

Denn edlen Seelen vorzufühlen

Ist wünschenswertester Beruf.

_______________________________________


Rezensent: Mag. Dr. Volkmar Ellmauthaler, Wien (A): http://www.medpsych.at

*) Fußnote von Seite 6.: Information aus: Tätigkeitsbericht des Obersten Gerichtshofs, (TB-OGHc1), „Punkt 2.: Kartellgericht beim OLG Wien: Die Stelle der am 5.11.1991 aus gesundheitlichen Gründen ihrer Funktion enthobenen Stellvertreterin des Vorsitzenden, Richterin Dr. Helga Kerschbaum, konnte bisher nicht nachbesetzt werden.“ (Quelle: http://www.kartellrecht.at/TB-OGHd1.html vom 25.09.2004)