RISIKO UND ETHIK IM EXPERIMENT. Kommentar zur Begrenzung des Denkmöglichen und Machbaren in der Welt der Biotechnischen Synapsen, Mikroroboter, Brain-Computer-Interfaces, Nanotechnologie. Aktuelle Proponenten: Dr. Carlo Montemagno, Professor, University of California, LA, CA (vorsichtige Bewertung: Seriös) Dr. Kevin Warwick ("Cyborg"), Professor, Reading University, GB (vorsichtige Bewertung: Genial und gefährlich) ************** Carlo Montemagno, Professor für Biomedizintechnik, University of California, hat vor einigen Jahren eine Schnittstelle zwischen Tier und Maschine geschaffen: miniaturisierte Silizium-Roboter, die von in vitro lebenden Herzmuskelzellen aus Ratten angetrieben wurden. Daraus entwickelte er ein Konzept für "synthetische biologische Systeme". Die bereits existierenden Mikro-Roboter der ersten und zweiten Generation können in Organe eindringen, können etwa schon jetzt durch den Darm gesteuert werden. ************** In eine ähnliche Richtung arbeitet Kevin Warwick, Kybernetik-Professor der Universität Reading on Thames, England. Er trägt den Spitznamen "Cyborg", seit er sich in den Neunzigerjahren als erster Mensch einen Chip in den Arm implan- tieren und damit sein Nervensystem direkt mit einem Computer - später mit einem zweiten, verbesserten und in den Arm seiner Frau implantierten, Microchip - verbinden ließ. Mittlerweile experimentiert Warwick, ähnlich wie Montemegno, an Ratten, aber mit Nervenzellen aus Rattenhirnen, die mit einem Roboter verbunden sind. Sein Ziel ist es, den Roboter durch die Ratten-Neurone zu steuern. (Auch der umge- kehrte Weg ist theoretisch denkbar und wird von Warwick propagiert.) Dazu muss man wissen, dass Warwick einer Sekte angehört, die solche technischen Entwicklungen in Richtung eines Bio-Roboters ausdehnen wird: Die Vorstellung dabei ist, menschliche Gehirne per Interface mit Robotern und auch untereinander zu einer Art "Intelligenz- udn Wissens-Pool" zu verbinden. Warwick selbst sagt in Interviews bisweilen, aus seiner Sicht wäre die ethische Frage dabei nur, welche Rechte solchen Individuen zugestanden werden müssten (etwa das Wahlrecht?). Allein an diesem Ansatz ist unschwer die dringende Erfordernis nach einem verbindlichen und streng kontrollierten Regulativ auch für Grundlagenforschung zu erkennen. ************** In Andrew Schwartz' Labor an der Universität Pittsburgh, Pennsylvania, lernten Affen, denen Elektroden ins Gehirn implantiert wurden, mittels ihrer vorgestellten Bewegungsimpulse eine Armprothese zu bewegen und sich damit selbst zu füttern. Auch dieser Wissenschafter arbeitet schwerpunktmäßig über "Neuronal Interfaces". Weitere Anwendungsgebiete der Biotechnischen Sysnapsen (an welchen seit gut fünfzehn Jahren intensiv geforscht wird) sind (Sinnes-)Organe: etwa Netzhaut- Implantate von technischen Sensoren als Sehhilfe, oder biologische Mikrobauteile. ************** Jackie Ying, Direktorin des "A-Star Institute of Bioengineering and Nano- technology" in Singapur, arbeitet über die an ihrer Einrichtung entwickelten polymeren Nanopartikel zur Therapie von Diabetes. Diese Partikel orientieren sich an der Glucosekonzentration im Blutserum und setzen bei Bedarf Insulin frei. *************** Ein grundlegendes Problem bei Nanotechnologie ist jedoch die Unkenntnis darüber, was Nanopartikel innerhalb von Zellorganellen bewirken können, falls sie unkontrolliert dorthin gelangen. Dieses Problem besteht bereits heute, etwa bei Partikeln, die über die Atemwege in das Lungengewebe und von dort weiter in Zellen eingeschleust werden können oder bei Partikeln, welche die Struktur der Haut druchdringen und bei Berührung in den Organismus gelangen können, wie das etwa bei Nano-Surfaces der Fall sein kann. Nano-vergütete Oberflächen finden wir heute bereits z.B. in selbst- reinigenden Urinalen, die eine Wasserspülung (theoretisch) überflüssig machen. *************** Norbert Hampp von der Universität Marburg arbeitet über das von Bakterien stammende Protein "Bakteriorhodopsin", das Lichtenergie in chemische Energie umwandeln kann und - in Farbstoffe eingearbeitet - etwa die Fälschungssicherheit von Banknoten oder Ausweisen verbessern könnte. *************** Zu jeder nützlichen Anwendung existiert massive Grundlagenforschung, aus der ebnenso gut auch andere, bedrohliche, Anwednungen denkmöglich sind - wie etwa die Vernetzung mehrerer Gehirne über Interface, das Analysieren und Verarbeiten von Assoziationsströmen und Reaktionsmustern, woran man (bereits heute) die mentale Einstellung und die individuellen Stimulus-Response-Fähigkeiten von Probanden verstehen lernt, usw. Hier beteht ein wesentlicher Bedarf, international verbindliche, kontrollierbare und sanktionierbare ethische Normen zu finden, welche alle denkbaren Eingriffe in die Individualität des Menschen rigoros begrenzen. Ohne solche Normen wäre niemand vor denkbarem Missbrauch - wie Bewusstseins- und Entscheidungsmanipulation, Datenspionage, Identitätsraub usw. - wirksam geschützt. Es ist ein trauriges Zeitzeichen, dass soclherlei Gedanken ernsthaft durchdacht werden müssen. Vor wenigen Jahren hätte man diese Art zu denken als paranoid eingestuft. Im Licht der beinahe entgrenzten Forschung einerseits und der bereits entgrenzten Begehrlichkeiten allenthalben (von politischer Seite, von Geheimdiensten, gewiss auch der organisierten Kriminalität) sind solche Mechanismen zur Begrenzung auch der Grundlagenforschung vermutlich unumgänglich. Diese Schranken müssen spätestens in dem Zeitpunkt gesetzt sein, in dem solche Forschungen gesellschaftliche Akzeptanz finden: Spätestens hier und heute: jetzt. (Dr. V. Ellmauthaler, 16. November 2009)